Nr. 1 Februar 2001 - Zweitsprachenerwerb im Kindergarten

Die Sprachwissenschaft geht davon aus, dass das Erlernen der zweiten Sprache ähnlich funktioniert wie das Sprechenlernen, nur dass das Kind bestimmte Phasen, die es beim Sprechenlernen durchlaufen musste, jetzt überspringen kann, weil es sich geistig schon weiterentwickelt hat.

Hat das Kind beispielsweise mit etwa zwei Jahren noch von sich in der dritten Person gesprochen - „Monika spielt!" - wird es dies jetzt nicht mehr tun und den Satz normalerweise korrekt übersetzen, also „Ich spiele!". Von seiner Muttersprache her weiß das Kind, dass man in Sätzen spricht.

Aufgrund seiner bereits erworbenen Kenntnisse in der Muttersprache weiß das Kind, dass jede sprachliche Äußerung in eine bestimmte Satzstruktur gekleidet werden muss.

Es handelt sich um eine Art „Transfersystem" aus einer Sprache - Muttersprache - in die zweite Sprache.

Das Kind lernt die Zweitsprache erfahrungsgemäß in mehreren Phasen:

  1. Beobachtung: Zunächst beobachtet es das Sprechen der anderen (z.B. der Kindergärtnerin), während es sich in die Gruppe eingewöhnt - Rhythmus, Intonation, Aussprache.
  2. Passives Sprachverständnis: Dann stellt es fest, dass sich bestimmte Wörter in bestimmten Situationen wiederholen und verbindet diese Wörter mit den Situationen.
  3. Kopulasatz (Ist-Satz): In dieser Phase spricht das Kind selbst. Zunächst versucht es, mit einem Wort wie „Toilette" oder „Hunger" den anderen sein Anliegen mitzuteilen. In dieser Phase ist das Sprachmodell, das die Erzieherin dem Kind vorgibt besonders wichtig, denn das Kind weiß, dass es eigentlich mehr sagen müsste als es sagen kann und erwartet von der Erzieherin, dass sie seinen Satz vervollständigt.
  4. Zwischengrammatiken: Nach ca einem halben Jahr reicht es dem Kind nicht mehr, Ein-Wort-Sätze zu benutzen. Es unternimmt Formulierungsversuche, baut Sätze und versucht, seine Sprache der der anderen Kinder anzugleichen. Die Versuche erscheinen anfangs zusammenhanglos, manchmal auch komisch. Auch hier gilt es, die Kinder zu stärken und zu ermuntern, es weiter zu versuchen, auch wenn es nicht immer die richtigen Wörter sind, die dabei herauskommen. Diese Phase wird dann nach und nach ausgebaut, und schließlich kann sich das Kind in mehr oder weniger korrekten Sätzen normal verständigen.

Direkt zu korrigieren, wenn die Kinder falsch sprechen, ist nicht immer konstruktiv und kann unnötige Frustrationen hervorrufen. Der diplomatischere Weg ist sicher die indirekte Korrektur durch korrektives Feedback d.h. die richtige Rückformulierung in Form einer Feststellung oder Frage.

In der ersten Zeit lässt sich über Mimik, Gestik und Verhalten eine nonverbale Kommunikation mit den Kindern aufbauen, auch sie ist ein Bestandteil der Sprachförderung.

Ziele der Sprachförderung

Mit jedem Fortschritt in der Sprachentwicklung entfernt sich das Kind ein kleines Stück vom Zustand totaler Abhängigkeit und bewegt sich in Richtung Mündigkeit.

Sprache bietet Möglichkeiten zur Selbsthilfe. Sprache soll aber dem Kind nicht nur in der Zukunft sondern schon in der Gegenwart nützen. Drei große Lernfelder sind zu nennen:

  1. die Kinder sollen lernen, mit anderen Menschen zurechtzukommen (d.h. andere Menschen anzusprechen wagen; Gestik und Mimik deuten; sich in andere Menschen hineindenken; zuhören; fragen; bitten; erzählen; berichten; Dinge so erklären, dass der Hörer versteht; eine eigene Meinung begründen und die Gegenargumente des Hörers berücksichtigen; Gespräche führen; gemeinsam planen, spielen, arbeiten; Konflikte verbal lösen; usw)
  2. die Kinder sollen lernen, mit Sachen und Sachverhalten zurechtzukommen (d.h. was ihnen begegnet, benennen und in ein Begriffsystem einordnen; beschreiben; vergleichen; Handlungsfolgen erkennen; Zusammenhänge, Verhältnisse, Beziehungen, Ursachen und Wirkungen verstehen und darlegen; usw.)
  3. die Kinder sollen lernen, mit sich selbst zurechtzukommen (d.h. den eigenen Standpunkt erkennen und eine eigene Meinung formulieren; Angst, Wut, Enttäuschungen, Wünsche, Zärtlichkeiten artikulieren und kontrollieren können; etwas verschweigen können, wenn es Gründe dafür gibt; Vorurteile korrigieren; usw.)

Die Einstellung der Erzieherin zum Kind

Spracherziehung der Kinder setzt Selbsterziehung des Erziehers voraus.

Manche Erzieher merken nämlich gar nicht, dass sie auf die Kinder einreden, ohne ein bestimmtes Kind zu meinen oder eine Antwort zu erwarten. Sie sehen nicht, dass sie auf manche Kinder freundlich eingehen, andere mit kurzen Bemerkungen abspeisen.

Der Erzieher muss sich selbst kritisch beobachten und feststellen, wieviel er im Lauf eines Vormittages zugehört hat, wieviele Fragen er freundlich beantwortet hat, wie oft er den Kindern etwas erzählt hat, wie oft er sich mit einzelnen Kindern unterhalten hat, wie oft er mit den Kindern gelacht hat.

Im Kindergarten müssen die Kinder erfahren, dass Sprache auch eine Form von Zärtlichkeit sein kann - „Du, ich freu´ mich, dass du wieder da bist!“ - und dass man an Sprache Vergnügen haben kann (Witze, Kinderreime).

Das Kind ahmt Laute und Lautkombinationen, die es hört, nach. Die Bezugsperson sollte dementsprechend möglichst deutlich und fehlerfrei sprechen.

Schwerpunkte allgemeiner Sprachförderung und -vermittlung

Das Gespräch

Der Erzieher sollte sich bei der Gesprächsführung an folgende Regeln halten:

  • das Gespräch in der Großgruppe immer sehr kurz halten
  • immer wieder kurz zusammenfassen oder mit anderen Worten „übersetzen" was ein Kind meint
  • „Dauerredner" stoppen, indem man das, was sie vermutlich noch erzählen wollten, in einem Schlusssatz zusammenfasst und versucht aus dem Sprecher einen Hörer zu machen („Nun sind wir aber neugierig, ob es bei dem.....auch so war.")
  • immer wieder Fragen einschieben, die sehr viele Kurzantworten möglich machen („Was nehmen wir mit auf....?")
  • das Gespräch immer wieder mit Aktionen unterbrechen (z.B. das Spiel „Meine Tante aus Amerika ist gekommen").

Spiele für den Wortschatz

Ich brauche was zum Waschen

Ein Kind oder der Spielleiter wirft einem anderen Kind ein Tuch zu und sagt: Ich brauche was zum Waschen. Das angesprochene Kind wirft das Tuch mit einer passenden Antwort zurück (Waschlappen).

   bürsten - Bürste; Nägel schneiden - Nagelschere; Nase putzen - Taschentuch; eincremen - Creme; usw.

Meine Tante aus Amerika ist gekommen

Kind: Meine Tante aus Amerika ist gekommen.

Alle: Was hat sie dir denn mitgebracht?

Kind: (z.B.) ein Eis!

Alle lecken pantomimisch an einem Eis.

Das nächste Kind: Meine Tante aus Amerika ist gekommen...

(Fortsetzung in der nächsten Nummer)

Bild 2 


Gabi Buşa

    (Bilder aus der Zeitschrift/imagini din revista)