Nr. 3 Februar 2002 - Das Schulbuch

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

ein aus dem deutschen Schulsystem kommender Kollege meinte, ein Thema wie Schulbuch würde in Deutschland wohl nur wenige ansprechen. Mag sein, dass bei einem funktionierenden Schulbuchmarkt mit einem reichhaltigen Angebot, auf dem methodisch und didaktisch "ausgereifte" Bücher nicht fehlen und für die Schüler finanziell erschwinglich sind, dieses Thema keine Brisanz hat. Anders jedoch bei uns, wo deutschsprachige Schulbücher ein Problem darstellen und zwar neben dem Lehrermangel das größte.

Viele unserer Lehrer wären froh, wenn sie überhaupt deutschsprachige Schulbücher hätten, von Auswahlmöglichkeiten ganz zu schweigen. Es gibt Fälle, in denen noch die alten Bücher verwendet werden, die den Lehrplänen nicht mehr entsprechen; andere, wo die alten Bücher nicht mehr vorhanden sind und durch neue nicht ersetzt wurden, weil es sie nicht gibt; oder es gibt die Bücher, aber die Schule konnte sie nicht oder nur in ungenügender Zahl erhalten; oder sie sind da, aber von mangelhafter pädagogischer Qualität...

Hinzu kommt die Tatsache, dass die meisten deutschsprachigen Schulbücher in Rumänien Übersetzungen aus dem Rumänischen sind, wodurch die Frage der Qualität der Übersetzungen, d.h. des in den Büchern verwendeten Deutsch, ebenso wie die des Auswählens der zu übersetzenden Bücher aus dem rumänischsprachigen Angebot in den Vordergrund treten.

Die problematischen Situationen sind zahlreich und werden in dieser Nummer der "ZfL des ZfL" in verschiedenen Beiträgen auch einzeln zur Sprache gebracht. Hinter allem steht die Frage: Wie kommen wir weiter? Von den ZfL-Mitarbeitern wurden mittels Fragebogen oder durch Gespräche die Meinungen der Betroffenen (Schüler, Lehrer, Eltern) sowie der Zuständigen (in Schulen, Schulinspektoraten, im Ministerium), ebenso auch einiger Verlage eingeholt. Um Mängel beheben zu können, müssen diese zuerst klar erkannt werden und zumindest das soll durch die Beiträge dieser Zeitschrift erreicht werden. Wie kommen die Lehrbücher in die Schule? Wo liegen die Schwachstellen des Systems? - Das zu wissen ist wohl für jeden Einzelnen wichtig, denn vielfach müssen die "Schuldigen" nicht ganz oben in der Hierarchie der Verantwortlichen gesucht werden, sondern so manches lässt sich auf den unteren Ebenen lösen.

Zur Entstehung dieser Nummer der "ZfL des ZfL" haben auch Lehrer beigetragen, die nicht Angestellte des ZfL sind. Stellungnahmen Ihrerseits, liebe Kolleginnen und Kollegen, sind erwünscht, denn ein so umfassendes und kompliziertes Thema, wie es das Thema "Schulbuch" zur Zeit in unserem Schulsystem ist, muss sicher auch von anderen Seiten beleuchtet werden, als es hier geschieht. Auch Ihre Vorschläge können weiterhelfen!


Martin Bottesch
Leiter des ZfL

Schüler, Eltern und Lehrer über Schulbücher

Wenn es um Schulbücher geht, gehören außer Schülern und Lehrern auch die Eltern der Schüler zu den "Betroffenen". Um herauszufinden, was ihnen allen an den Schulbüchern gefällt und was nicht, was Schülern und Eltern daran leicht und was ihnen schwer erscheint, wurden seitens des ZfL Fragebogen ausgeteilt, die in großer Anzahl ausgefüllt eingingen. Die Gewissenhaftigkeit, mit der die Fragebogen beantwortet wurden zeigt, wie wichtig das Thema Schulbücher den meisten erscheint. Von den Schülern sind aus den Klassen 3, 4, 6, 7, 8, 9, 11 insgesamt 129 Antworten eingegangen (und zwar, in der Reihenfolge der Klassen: 27, 56, 7, 19, 13, 6, 1 Antworten), die meisten aus der Hermann-Oberth-Schule in Mediasch, der Rest aus Schulen in Hermannstadt (Brukenthal, Schulen Nr. 4 und 15). Von den Eltern haben 58 und von den Lehrern (darunter auch Schulleiter und Inspektoren) 24 Befragte geantwortet.

Die Meinungen der Schüler ...

Auf die Frage, welches Schulbuch ihnen am besten gefalle, geben die meisten Schüler der Grundschule das Lesebuch an (schöne Geschichten, Märchen, leicht, "weil ich alleine lernen kann"). Allerdings gibt es auch solche, denen die Sprache zu schwer erscheint. Sonderbarerweise steht in der dritten Klasse das Mathebuch (schöne Übungen, "Mathe macht Spaß") an erster Stelle der Beliebtheitsskala. Auf Deutsch und Mathematik folgen in der Grundschule Rumänisch (schöne Bilder, schöne Übungen), Naturkunde (schön), Erdkunde, Geschichte (spannend). Die Beliebtheit der Mathematik scheint in den höheren Klassen nachzulassen, dafür die der Fremdsprachen zu wachsen.

Welche Bücher gefallen nicht? Da kann ein Unterschied zwischen dritter und vierter Klasse festgestellt werden: Während die Antipathie der Drittklässler verteilt ist, immerhin Lesen (zu schwer, viele neue, nicht erklärte Wörter) und Rumänisch (schwere Aufgaben) auch hier vorn liegen, gefolgt von Mathematik und Naturkunde, so werden in der vierten Klasse, weit abgehoben von anderen Büchern, besonders das Mathe- und Geschichtsbuch negativ bewertet. Mathematik: schwere Aufgaben, Fehler, vor allem aber auch wegen des Aussehens (gebrauchte Bücher!); Geschichte hat "zu schwere Wörter", "ich kann daraus nicht lernen"; die Lektionen sind lang und zu schwer. Einer Schülerin der vierten Klasse gefallen das Geschichts- und das Erdkundebuch nicht, "weil sie mit Fehlern geschrieben sind und weil man schwer daraus lernen kann". Nicht viel besser schneidet Bürgerkunde ab.

Die global positive Einschätzung einer Schülerin der 4. Klasse "alle Bücher sind dick und schön" wird von wenigen geteilt. Man beklagt vor allem das zu große Gewicht und das schlechte Aussehen der gebrauchten Bücher (bekritzelt, fehlende Seiten, "verrottet und zerfallen"). "Dieses Schuljahr war ein Glücksjahr, weil wir ein neues Buch gekriegt haben" (Klasse 4).

Kinder wissen die Abbildungen zu schätzen (Geschichte, Geographie, Naturkunde,...). Hinsichtlich der Bilder schneiden aber auch die Deutschbücher nicht schlecht ab, doch wird wiederholt angeführt, sie seien schlecht gebunden (Klasse 3 und 4, noch schlechter aber Mathe 4). Wird nach Schulbüchern mit zu schweren Übungen gefragt, so ist Mathematik bei allen Klassen Spitzenreiter, während man mit Deutsch- und Rumänischbüchern leichter allein zurechtkommt.

Schwierigkeiten mit dem Deutschbuch sind in der Regel auf Sprachschwierigkeiten zurückzuführen. Schüler, die zu wenig Deutsch können, vermissen am Ende der Lektionen die Erklärung der neu eingeführten Wörter. Klagen über Nichtverstehen des Textes beziehen sich bei den Viertklässlern meist auf Geschichte und Erdkunde. Auch in der 8. Klasse wird noch geklagt "die Texte in Deutsch sind schwierig".

Als Verschwendung muss der Druck von zwei deutschsprachigen Zeichenbüchern der Klasse 6 angesehen werden, denn aus den Antworten der Schüler geht hervor, dass sie zwar ein Zeichenbuch haben, es aber nicht benutzen. Ähnliches gilt (Klasse 7 und 8) für das Buch Staatsbürgerkunde.

... der Eltern ...

Nur wenige Eltern geben an, die schülerangemessene Verständlichkeit der Schulbücher sei in einigen Fächern nicht gegeben: Mathematik, Rumänisch, Deutsch, Geschichte, Geographie. Die deutliche Mehrheit findet (fast) alle benutzten Bücher schülergerecht konzipiert.

Dieses steht im Widerspruch zur Antwort auf die Frage, mit welchem Schulbuch selbstständig gearbeitet werden könne: In Übereinstimmung mit den Schülern geben die Eltern vor allem für die Fächer Geschichte, Geographie und in zweiter Linie auch für Mathematik und Englisch an, dass ein eigenständiges Arbeiten der Schüler mit den benutzten Schulbüchern unzumutbar schwierig bzw. völlig unmöglich sei, weil

  • der Text der Textaufgaben unverständlich formuliert und daher unzugänglich sei (Mathematik)
  • Zusammenhänge zu kompliziert und verwickelt dargestellt würden (Geschichte)
  • zu viele Fakten zu memorieren seien (Geographie)
  • es zu wenig Erklärungen und Übungen gebe (Informationstechnologie/Mathematik)
    Die von den Eltern hauptsächlich kritisierten Mängel der Schulbücher betreffen:
  • die Klarheit und Angemessenheit der sprachlichen Formulierungen
  • die Häufigkeit von Fehlern in Tests und in den Aufgaben
  • den Mangel an verständlichen sachlichen Erläuterungen
  • die überladene Komplexität und den hohen Abstraktionsgrad des Lernstoffes
  • das Fehlen geeigneter ansprechender Illustrationen
  • den Zustand und den hohen Preis der Bücher
  • das Fehlen von Lösungsschlüsseln und Worterklärungen.

... und der Lehrer

24 Lehrer haben unsere Fragebogen zum Thema Schulbücher erhalten und beantwortet, davon 4 Mathematiklehrer, 1 Deutschlehrer, 1 Geschichts- und Philosophielehrer, 1 Biologielehrer und 10 Grundschullehrer. Dazu kommen die Antworten von 5 Schulleitern und 2 Inspektorinnen.

Den Grundschullehrern gefallen jene Schulbücher, die "viele", "vielseitige", "intelligente", "nicht zu leichte" Übungen enthalten, weil sie mit Hilfe dieser Übungen die Kinder besser für die 5. Klasse vorbereiten können; "kindgerechte", "ansprechende" Texte sind für den Leseteil der Sprachbücher wichtig. An erster Stelle auf der Liste der guten Bücher stehen die Rumänisch- und die Deutschbücher. In einem Fragebogen heißt es: "Es wäre eine Erleichterung für unsere Arbeit, wenn Übungen zu jedem Text vorhanden wären" - damit ist der Leseteil in den Deutschbüchern der Grundschule gemeint.

Um den Mangel an Übungen und Schreibregeln im Sprachteil der Deutschbücher auszugleichen, verwenden die Lehrer die alten Lese- und Sprachlehrbücher. Zu den zusätzlich verwendeten Büchern gehören Text- und Aufgabensammlungen, Kinderliteratur, alte Schulbücher, Schulbücher aus Deutschland und Österreich, Schulbücher für die rumänischen Klassen. Dazu viele Arbeitsblätter. Mit all diesen haben Lehrer gute Erfahrungen gemacht.

Für die Arbeit der Schüler mit den Büchern ist es aus Lehrersicht wichtig, dass diese gut gebunden sind, eine gute Druckqualität haben, gute Erklärungen und Übungen zur Differenzierung enthalten und in einer zugänglichen Sprache geschrieben sind. Als geeignet für selbstständiges Arbeiten werden die Rumänisch- und Deutschbücher sehr oft genannt. Das Mathematikbuch ebenfalls, aber in diesem Fall wird die selbstständige Arbeit der Schüler durch die Fehler, die darin vorkommen, erschwert. Die Mathematikbücher enthalten "zu viel Stoff" und "es bleiben wenige Stunden zur Festigung", "zu viele Aufgaben mit schweren Texten, die viel Zeit in Anspruch nehmen" und wiederum: "Fehler".

Die Lehrer haben auch mit den Büchern für Geschichte, Erdkunde und Naturkunde ihre Mühe. Die "vielen Einzelheiten für nur eine Stunde pro Woche", die "schweren Begriffe für Viertklässler" und die "stellenweise schwer verständliche Sprache" führen dazu, dass die Bücher wegen ihrer guten Bilder geschätzt werden, aber die Lehrer "sehr viel Zeit mit Erklärungen in Geschichte" verlieren und darüber unzufrieden sind.

Fachlehrer schreiben:

Deutsch: "Das Buch für die Klasse 7 ist z. T. zu komplex und abstrakt für diskussionsungeübte und gruppenarbeitsungewohnte Schüler". Fehler enthält "vor allem das der Klasse 5". Grammatikübungen seien zu wenige vorhanden, "zu schwer ist keine, eher zu leicht" und von der Druckqualität her haben die Bücher Schwächen "vor allem, wenn Bilder in den Text eingearbeitet sind".

In Mathematik gibt es Schwierigkeiten, wenn die Schulbücher "zu wenig Übungen" enthalten, denn die Lehrer verwenden die Bücher in jeder Stunde, selten "nur für die Hausaufgabe". Außerdem müssen Mathematiklehrer zum Teil mit rumänischen Schulbüchern arbeiten.

Geschichte und Philosophie: Für diese Fächer gibt es vorläufig keine übersetzten Schulbücher. "Ich halte mich an den Lehrplan und verwende dabei hauptsächlich Lehrbücher aus Deutschland und Österreich."

"Differenzierte Arbeit? Selbstständige Arbeit der Schüler? Schulbuch verwenden? usw. - wie?, wenn 30% der Schüler (vielleicht auch nur 10%) Schulbücher haben?"

"Das beste Lehrbuch [...] ist das Lehrbuch, welches mir von einem Verlag unentgeltlich zugeschickt wird. Alle anderen Lehrbücher bleiben mir unbekannt (die Schule hat kein Geld, der Lehrer hat kein Geld). Alle bewilligten Bücher müssten in der Schulbibliothek aufliegen."

Biologie: Das Buch für die 8. Klasse ist relativ gut gegliedert, enthält Lektionen zu Themen aus dem Kern-Curriculum sowie auch für die Vertiefung dieser Themen, schöne Fotos und gute Schemata. Andere Biologiebücher enthalten aber viel zu viele Einzelheiten, so dass Schüler Wichtiges von Unwichtigem nicht unterscheiden können. Das sind "keine allgemeinbildenden Bücher", weil sie zu schwer sind. Der Lehrer kann die Bücher selten für Hausaufgaben und selbstständige Arbeit verwenden. Ein fehlerfreies Biologiebuch gibt es noch nicht. Die Schwierigkeiten fangen aber anderswo an: bei den "nicht gut durchdachten Lehrplänen".


Gezwungenermaßen hat man gelernt, bei manchen Klassen und Fächern auch ohne Lehrbuch auszukommen, aber "mit Buch ist die Arbeit effizienter und bequemer für den Lehrer, für den (gewissenhaften) Schüler einfacher und korrekter".

Inspektoren arbeiten nicht unmittelbar mit Schulbüchern. Sie können Vorstellungen neuer Lehrbücher organisieren und hätten gern "Infos" über Schulbücher von Lehrern aus dem Schulalltag. Schulleiter leiden mit ihren Lehrern und Schülern: "Warum darf man für die Lehrer kein Buch bestellen?" Es gibt für manche Klassen "keine Lehrbücher, die übersetzt sind", "nicht die besten Schulbücher wurden übersetzt", "die meisten Lehrbücher sind sehr teuer", "die Schulen erhalten die Lehrbücher viel zu spät".

Das richtige Buch auszuwählen, ist aus der Sicht eines Schulleiters oft ein Problem für die Lehrer. "Für den rumänischsprachigen Bereich: Die Mehrheit der Lehrer sind weder fähig noch willens, Bücher auszuwählen und dann einige Jahre zu ihrem Entschluss zu stehen. Die völlig unsinnige Maßnahme des Ministeriums, schon existierende Bücher nicht mehr zu genehmigen, kommt vielen Lehrern entgegen, Europa ist weit ..."


(Die ZfL-Mitarbeiter)

Verlage über die Schulbuchproduktion

Schulbücher in deutscher Sprache bringen für Verlage einen Mehraufwand an Arbeit und Kosten (Übersetzung, neuerliche Gestaltung,...), doch wenig Gewinn (kleine Auflage!). Deshalb verzichten einige Schulbuch-Verlage auf die Herausgabe ihrer Lehrwerke in deutscher Sprache (Mathepress), andere sind bereit, unter bestimmten Bedingungen die Lizenz vertraglich an einen anderen Verlag abzugeben, damit dieser sie auf Deutsch oder Ungarisch herausbringen kann (Teora). Von den Verlagen, die Schulbücher in deutscher Sprache gedruckt haben, wurde seitens des ZfL mit Sigma und Humanitas gesprochen. Beide Verlage drucken jedes Mal eine etwas größere Anzahl von Büchern als das Ministerium bestellt - die überzähligen Bücher drucken sie auf eigene Kosten. Die deutschsprachigen Schulbücher von Humanitas sind auch im Buchhandel erhältlich. Aus der Sicht von Humanitas hängt die Herausgabe der deutschsprachigen Schulbücher vor allem davon ab, wie viel Geld das Ministerium dafür bereitstellt. Das sei, so Humanitas, oft weniger als notwendig. Der Verlag Sigma beklagt das nicht rechtzeitige Abschließen von Verträgen zwischen Ministerium und Verlagen. (MB)


(Bilder aus der Zeitschrift/imagini din revista)