Nr. 5 Februar 2003 - Fortbildungsarbeit

Lehrerfortbildung in Ungarn

Ich bitte, im Folgenden alle Berufsbezeichnungen geschlechtsneutral zu verstehen.

Die gegenwärtig gültigen Regeln stammen aus den Jahren 1996/97; während meiner Tätigkeit in Ungarn (1994-99) habe ich also die praktische Umsetzung selbst noch miterlebt. Grundprinzipien sind die Pflicht zur Fortbildung und der Nachweis über ein Punktekonto.

Innerhalb von sieben Jahren muss ein Lehrer den Besuch von offiziell angebotenen Fortbildungsveranstaltungen im Umfang von 120 Stunden nachweisen. Konkret gehört ein "PC-Führerschein" zum Pflichtprogramm. Falls jemand der Fortbildungspflicht nicht nachkommt, kann er von der Schule, bzw. vom kommunalen Schulträger entlassen oder nicht weiterbeschäftigt werden. De facto spielt diese Sanktionsandrohung eine untergeordnete Rolle, da Lehrer nicht zu den besonders gut bezahlten Berufstätigen gehören und da folglich in vielen Fächern eine "Ersatzbeschaffung" recht schwierig ist. Dies gilt vor allem in den Bereichen moderne Fremdsprachen, bei den bilingualen Sachfächern Geschichte und Geographie und in Naturwissenschaften.

Anbieter der Fortbildungsveranstaltungen sind Pädagogische Institute, Hochschulen und Fach- und Wirtschaftsverbände, deren Programme und Seminare kostenpflichtig akkreditiert werden müssen. Veröffentlicht werden die Seminarangebote mit Angabe der erreichbaren Punkte in einer jährlich erscheinenden Übersicht, die den Schulen zugeht. Aus dem Bildungshaushalt werden etwa 3% für Fortbil-dungskosten den Schulen zur Verfügung gestellt, weshalb sich die Lehrer an den Kosten für diese Seminare beteiligen müssen. Im Programmangebot überwiegt die traditionelle Wissensvermittlung; auch der erwähnte PC-Kurs kann höchst theorielastig statt praktisch sein.

Angebote auf der Basis zwischenstaatlicher Abkommen wie des österreichischen Bildungsministeriums in Bezug auf ÖSD, eines Schweizer Fortbildungsinstituts, des Goethe Instituts Inter Nationes und der Fachberatung des deutschen Lehrerentsendeprogramms werden ohne Kosten akkreditiert, und hierbei werden auch die Seminarkosten von den Veranstaltern getragen. Hier dominiert die methodisch-didaktische Ausrichtung der Seminare.

Da keine bildungspolitischen Vorgaben das Fortbildungsangebot regeln, treffen viele Lehrer ihre Wahl nach sozusagen marktwirtschaftlichen Grundsätzen: wo bekomme ich für wenig Aufwand die meisten Punkte.

Ursula Breuel
Fachberaterin, Bukarest

Zur Lehrerfortbildung in Deutschland

Bevor ich versuche, in meinem Bericht einige Grundzüge der Lehrerfortbildung in Deutschland zu skizzieren, möchte ich noch einen grundsätzlichen Gedanken zum Thema Fortbildung zu bedenken geben.

Lebenslanges Lernen bekommt vor dem Hintergrund sich rasant verändernder Lebensbedingungen eine immer stärkere Bedeutung. Niemand kann sich heute auf einmal Erlerntes zurückziehen. Dies gilt für jeden Handwerker und jede Sekretärin ebenso wie für uns Lehrer. Für uns Lehrer sogar ganz besonders, da es doch unsere vorrangige Aufgabe ist, Schüler auf die sich immer schneller verändernde Welt und auf das lebenslange Lernen so gut wie möglich vorzubereiten.

Nun zu meinem Thema "Lehrerfortbildung in Deutschland": Da dieses Thema ein "weites Feld" ist, werde ich mich bei meinen Ausführungen weitgehend auf eigene Erfahrungen stützen.

Als Lehrerin des Landes Nordrhein-Westfalen mit Dienstort Mönchengladbach war in meinem Fall die Bezirksregierung Düsseldorf für die Organisation der meisten Fortbildungsveranstaltungen zuständig. Denn die Bildungspolitik und damit auch die Lehrerausbildung und die Lehrerfortbildung sind in Deutschland bekanntermaßen Ländersache.

Rechtzeitig zu jedem Schulhalbjahr gibt die jeweilige Bezirksregierung einen umfangreichen Katalog heraus, in dem ein Großteil der aktuellen Fortbildungsangebote für Lehrer angekündigt werden. Dieser Katalog liegt in der Regel in jedem Lehrerzimmer aus.

Die Fortbildungsangebote richten sich an Lehrer verschiedener Schulstufen (Grundschulen, Sek. I, Sek. II) und verschiedener Schulformen (Hauptschule, Realschule, Gymnasium).

Es gibt fachspezifische Angebote, die Gelegenheit geben, sich mit aktuellen fachlichen oder methodischen Aspekten der jeweiligen Schulfächer zu beschäftigen. Immer häufiger werden aber auch fachübergreifende Seminare angeboten.

Thematik und Beschreibung der Seminare unterscheiden sich hierbei nicht grundsätzlich von den Seminarankündigungen, die das ZfL in Mediasch herausgibt. Neben den eher sachorientierten Angeboten spielen in wachsendem Maße auch Seminare eine Rolle, die rein pädagogische Themen behandeln. Solche Veranstaltungen beschäftigen sich etwa mit Gewalt in der Schule, dem Umgang mit schwierigen Schülern oder zeigen Lehrern, wie man Schüler zu "Streitschlichtern" ausbilden kann, damit sie in die Lage versetzt werden, Konflikte untereinander selbstständig zu lösen. Aber auch Suchtprävention in der Schule ist seit langem ein wichtiges Thema im Fortbildungsbereich.

Eine Reihe von Veranstaltungen richtet sich auch an Mitglieder von Schulleitungen, hier sollen die Adressaten etwa in Fragen der Menschenführung oder der Schulentwicklung fortgebildet werden.

In den letzen Jahren wurden auch immer wieder Initiativen gestartet, um den Lehrern den Umgang mit neuen Medien nahezubringen. Die Möglichkeiten der unterrichtlichen Nutzung von Computer und Internet standen und stehen dabei besonders im Vordergrund. Dabei wenden sich die Veranstaltungen nicht nur an Informatiklehrer, sondern auchan Lehrer, die eine gewisse Hemmschwelle zu überwinden haben.

Mittlerweile gibt es auch schon eine Reihe von online Fortbildungen für Lehrer. Auch diese Veranstaltungen haben ihre Berechtigung innerhalb des Fortbildungsspektrums, auch wenn ich persönlich den lebendigen Austausch mit anderen Kollegen vorziehe.

Die Dauer der meisten Fortbildungsveranstaltungen liegt in der Regel zwischen einem und drei Tagen, es gibt aber auch Veranstaltungen, die sich über mehre Monate hinziehen und meist an einem Nachmittag pro Woche stattfinden.

Die Fortbildungsangebote für Lehrer in Deutschland sind also reichhaltig und interessant.

Wie sieht es nun mit der Möglichkeit der Wahrnehmung von Angeboten aus?

Als interessierte Kollegin oder interessierter Kollege kann ich einen Antrag an den Schulleiter stellen, den dieser bewilligen oder auch ablehnen kann. Pro Jahr hat jeder Arbeitnehmer in Deutschland (nicht nur Lehrer) Anspruch auf fünf Tage Bildungsurlaub. In den meisten Fällen wird der Schulleiter dem Fortbildungswunsch seines Lehrers positiv gegenüberstehen, auch wenn er ihn dafür einen oder gar zwei Tage freistellen muss. Allerdings habe ich auch erlebt, dass ein Gesuch abgelehnt wird. Durch besondere Umstände (Grippewelle) waren so viele Kollegen plötzlich erkrankt, dass ein weiterer personeller Aderlass aus Sicht der Schulleitung nicht mehr zu vertreten war.

Für den beruflichen Werdegang ist es in Deutschland wichtig, dass man die regelmäßige Teilnahme an Fortbildungsveranstaltungen nachweisen kann. Natürlich sind auch in Deutschland nicht alle Kollegen gleichermaßen an Fortbildung interessiert. Es gibt regelrechte "Fortbildungsmuffel" und es gibt Schulen, die wenig Interesse an einer kontinuierlichen Fortbildung ihres Kollegiums haben. Allerdings zählen diese Schulen nicht zu den innovativen Schulen.

Ob die zahlreichen Fortbildungsangebote wahrgenommen werden und ob das neu Hinzugelernte auch umgesetzt wird, hängt letztlich von den einzelnen Kollegen und von der Schulleitung ab, denn diese kann ein fortbildungsfreundliches oder fortbildungsfeindliches Klima schaffen.

Um im Hinblick auf die Lehrerfortbildung ein positives Klima zu schaffen, wäre folgendes wichtig und wünschenswert: Die Verantwortlichen (Schulleitung und Schulaufsicht) - dies gilt für Deutschland und Rumänien - müssten Lehrer dazu ermutigen, an Fortbildungsveran-staltungen teilzunehmen.

Es müsste als normal empfunden werden, wenn ein Lehrer in einem Bereich "Fortbildungsbedarf" verspürt. Der Wunsch nach Fortbildung sollte keinesfalls als "Schwäche" zum Nachteil des Lehrers ausgelegt werden, denn das wäre schlimm. Die Schule sollte es vielmehr positiv bewerten, wenn ein Lehrer sich zum Wohle des Unterrichts und damit der Schüler und des Rufs der Schule weiterqualifizieren will.

Zuletzt möchte ich die These wagen, wer sich fortbildet hat es leichter in seinem Beruf und er hat letztlich mehr vom Leben.

Anke Lörsch
Deutsche Fachberaterin Temeswar

Versuche in Richtung schulinterner Fortbildung

Die Erinnerungen aus der Zeit vor 1989 gehen alle in eine Richtung: Konferenzen mit endlosem Gerede ohne Bezug zur Realität. Das Lehrer-Publikum hatte eigene Strategien entwickelt, um die Peinlichkeit der Situation zu überbrücken: Stricken, Lesen, Arbeiten korrigieren, Register unterschreiben.

Es gab auch noch die zwangsverordneten "offenen Stunden", in denen der Lehrer oft an Methodenkompetenz all das demonstrieren wollte, was ganz und gar nicht in seinem Repertoire war. (So kam es z.B. vor, dass der Schalter eines Projektionsgerätes trotz intensiven Suchens nicht und nicht gefunden werden konnte.) Dennoch waren dann alle geladenen Gäste voll des Lobes über das Gesehene, ein Lob, das der gequälte Hauptakteur schon durch das "Verschaffen" von Kaffee voll verdient hatte.

Mut zu Lehrertreffen nach 1990, zusätzlich zum Pflichtprogramm in einem sinnvoll-angenehmen Rahmen (Anzahl der Teilnehmer, Sitzordnung, Erfrischungsgetränke) haben mir die Kollegen aus Deutschland gemacht. So trafen sich die deutschsprechenden Lehrer des Pädagogischen Lyzeums und besprachen neben Organisatorischem ihre konkreten Sorgen, berichteten von ihrer Arbeit. Einen gewissen Fortbildungscharakter hatten diese Abende, die - für mich völlig überraschend - sehr gut besucht waren.

Versuche in Richtung Schulentwicklung habe ich an zwei Tagen vor Schulbeginn im September 2001 unternommen. Von den gefundenen Schwachpunkten wurden die folgenden beiden als gravierend eingestuft:

a. Die Einstellung des Lehrers gegenüber seiner Tätigkeit in der Brukenthalschule

b. Das Verhalten der Schüler, wobei es bei der Gymnasialstufe vor allem um den Mangel an Disziplin, im Lyzeum hauptsächlich um Egozentrik ging.

In konzentrierter Gruppenarbeit suchten die Lehrer nach Möglichkeiten, die Situation in den genannten Bereichen zu verbessern. Bemängelt werden kann nur, dass die Ergebnisse typische Züge von Landeskrankheiten trugen: Vieles klang zwar sehr schön, ließ sich jedoch schwer in die Praxis umsetzen, jedenfalls nur durch konsequentes Vorgehen, das ja hierzulande gerade ein Schwachpunkt ist; einiges zeugte von realitätsfremder Selbsteinschätzung.

Die beste Erfahrung machte ich an zwei gemeinsamen Wochenenden der Brukenthal-Lehrer im Erholungsheim von Wolkendorf / Vulcan bei Kronstadt. Kollegen, die sich wegen dem Zweischichtbetrieb kaum sehen und noch nie miteinander kommuniziert hatten, haben in ausgelosten Gruppen positive und negative Punkte des eigenen Schulbetriebs ausfindig gemacht und sie präsentiert (szenische Darstellung, Plakate). Als konzeptuelles Rückgrat dienten Materialien der Lehrerfortbildungsakademie Dillingen. Bei der letzten Aktion, die Anfang Februar 2003 stattfand, besprachen wir typische Schülerprobleme anhand von Karikaturen und formulierten Verbesserungsvorschläge für die Schulordnung.

Kollegiumsexkursion und Fortbildung im Doppelpack, jedenfalls losgelöst von familiären Sorgen des Alltags zu einem Preis, der niemanden an der Teilnahme hindert, kann ich nur empfehlen. (Wenn man sich für Schüleraktivitäten und Ausstattung dauernd um Geld bemüht, so sollte man das ab und zu auch für die Lehrer tun!)

Gerold Hermann
Schulleiter, Samuel-von-Brukenthal-Gymnasium
Hermannstadt

(Bilder aus der Zeitschrift/imagini din revista)